Rede zum
15-jährigen Jubiläum
des Gasthauses und der Kleinkunstbrauerei Thaddäus in
Kaisheim
Laudator: Dr. Martin Oswald, Weingarten
Liebe Freundinnen und Freunde von Kleinkunst, Kabarett und Lederkanapee, liebe Liebhaber des weißen Gewölbes, liebe Liebhaberinnen der weisen Panitzbrüder, des kühlen Kellers und des hölzernen Engels, des guten Essens und des roten Weins, der Gastlichkeit und endloser Nächte, liebe Tänzer und Faulänzer, Einzelgänger, Mitgänger und Grenzgänger, liebe Exfreundinnen und Stammgäste, liebe Ausbrecher, Umkehrer und Einkehrer, liebe Gefängnis- und Frühstücksdirektoren, liebe Köche, Zubereiter, Wegbereiter, liebe Auf-, Über und Zurücktretende, Sponsoren, Förderer und Faszinierte, liebe Kleinkunstordensrüder und Schwestern im Dunstkreis zwischen Küche, Kunst und Knast, kurzum:
Ihr lieben Thaddäer und Thaddäisten,
Ihr Opfer von Muße, Müßiggang und Muskateller, Ihr Verächter von Mittelmaß und Maßkrugstemmen, Ihr Restwürzrelikte im restlos verwürzten Wirtshausdeutschland, Ihr Wasserverächter und Weinverehrer, Ihr, die ihr lhr geblieben seid, weil ihr oft genug hier geblieben seid, Euch allen darf gratuliert werden:
Zum 15jährigen Jubiläum Eurer und unserer Kleinkunstbrauerei Thaddäus, benannt nach jenem spätbarocken Abt Judas Thaddäus Mayr, der vor ziemlich genau 300 Jahren die Idee hatte, hier in Kaisheim eine Klosterbrauerei zu gründen, dem es aber aus Rücksichtnahme auf das andere Geschlecht verwehrt blieb, die Verwirklichung seiner Pläne zu erleben Denn als in Niederschönefeld Frau Rosa von Burgau die feierlichen Gelübde abgelegt hatte und hierbei an der Tafel viele angesehene Gäste, besonders aus dem Frauengeschlechte sich befanden, blieb Abt Thaddäus längere Zeit sitzen, als dem Fassungsvermögen seiner inneren Organe zuträglich war, wollte er doch die Festgesellschaft nicht durch seine Wanderschaft behufs des Wasserabschlags stören: und so zerplatzte ihm die Blase und der eingetretene Brand machte seinem Leben noch im Februar 1698 alsbald ein Ende. So ähnlich stand es im höchstgnädig-priveligierten churfürstlich-pfalzbaierischen Eichstätter Intelligenz-Blatt (ja richtig: so etwas gab es damals noch in Eichstätt), und der Text endet mit dem Satz: „Er würde noch viel rühmenswerteres ausgeführt haben, wenn ihn nicht ein zu früher Tod hinweggerafft hätte..“ - und ich habe fast den Eindruck, dass dieses Rühmenswerte nachzuholen, den Panitzwirten aufs beste nun gelungen.
Das dem Namensgeber übereignete Gelübde, im Wirtshaus niemals Nierenbraten, gestrecktes Pferdemistsorbet auf kandierten Süßwasserfrüchten a la Majonnaise de Chaisselong de Hongkong und allerhand anderen Unfug zu servieren, wurde von den Köchen brav gehalten - obgleich sie die Verlockung stets im Auge hatten, im Stall gegenüber sich mit Nahrungsnachschub zu versorgen. Nicht ohne Grund beschloss man, das Gestüt dann aufzugeben.
Werfen wir einen Blick auf die Speisekarten der vergangenen Jahre:
Käseknödel auf Blattspinat, Kirchweihtanz mit Entenbrust, Kaisheimsalat mit Champignons, Dieter Hüsch und Dieter Hildebrandt, Klaus-Peter Schreiner, Gerhard Polt, Biermöselblasen, Zimmerschied, Schramm, Grünwald, Giebel, Jango Asyl, Francesca de Martin, Grand Cru de les Grandes Patrones com Madame du Village de Pape sans Monets, Slowakische Geigenmusik, Biedermeierbälle, Salonorchester, Tanz in den Mai, Hoffest, Duo Virtuoso, Thürlesberger Turbodreher,... und das alles ist nur ein Bruchteil dessen, was hier im Laufe einer Saison so über den Tresen und über die Bühne läuft. Alles gemäß dem Weihnachtsmotto: Auf die Plätzchen fertig los, und wer keinen Platz findet, stellt sich einfach dazu.
Das Stammpublikum kennt sie auswendig: die Telefonnummer der Plätzchenverkäuferin Monika Graf. Der schwäbische Volksmund hat ihr mit folgendem Spruch ein schräges aber dennoch passables Denkmal gesetzt: 6544 von Zehn bis Zwoi, rufsch da aa, so bisch dabei (Tusch a la Fasching...)
Gerne wird der festliche Charakter eines solchen Abends mit einem Zitat Platons begründet, das da lautet: „Die Götter aber sich erbarmend über der Menschen zur Arbeit geborenes Geschlecht, haben ihnen zur Erquickung in der Mühsal, die wiederkehrenden Götterfeiern gesetzt und ihnen zu Festgenossen die Musen und den Musenführer Appollon und den Dionysos gegeben, auf dass sie, sich nährend im festlichen Umgang mit den Göttern, wieder Geradheit empfingen und Richte“. Platon, erweist sich hier leider als der Otto Schily der Philosophie, wenn er gleich einem griechischen Oberpolizisten, das Fest nur im Zusammenhang seiner Zweckbestimmung sieht, den Menschen wieder zu richten.
Erfüllt sich doch im Feiern auf vielfache Weise das, was vielleicht den eigentlichen Kern unseres Daseins ausmacht: Es ist die Fähigkeit und Bereitschaft, eben auch abseits aller Zweckbestimmung zu denken, zu empfinden, zu handeln. Dies setzt eines voraus: Muße. Und zwar Muße nicht verstanden als Durchatmen in der Arbeitspause, als kompensatorisches Element im ansonsten ruhelosen Alltag, sondern Muße als seelische Haltung, als innere Ungeschäftigkeit, als eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit, eine Art empfangendes Vernehmen, der anschauenden, kontemplativen Versenkung in das Seiende. Überdies liegt hier etwas von der Heiterkeit des Nichtbegreifenkönnens, von der Anerkennung des Geheimnischarakters der Welt, also dem Vertrauen auf das Fragmenthafte, das ewig Unfertige.
Na ja: manchmal sind sie ziemlich fertig, die Brüder, aber wie wir alle wissen, entspringt es schlichtweg der Neugierde des ewig unfertigen, der einfach wissen will, ob auch dieser oder jener Grand Cru noch zu jung ist…
Hauptsaison ist hier von Donnerstag bis Sonntag, danach und dazwischen gilt es die Lager aufzufüllen oder aber zu leeren, da halten es die Panltzbrüder ganz unterschiedlich - Hauptsache irgendwer füllt nach.
Freilich ist das nicht irgendwer: gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts, die Abwahl Helmut Kohls war eigentlich schon beschlossene Sache, also am 26. April 1989, luden Josef Hörmann, Isa Heinrich und Jürgen Panitz, kurz vor der Wende zum Hofwirt nach Kaisheim ein, um einen Förderkreis zu gründen, der dabei helfen sollte, ein, so steht es in der Einladung, kulturell niveauvolles Musik-, Theater- und Kabarettprogramm zu bieten. Ein Gegenprogramm also, das das Leben und Überleben jenseits vom Saumagen erträglich machen sollte. Später kam dann die Currywurst hinzu, der Bedarf blieb der gleiche. Demnächst dann Broiler (das sind die Osthähnchen).
Inzwischen hat dieser Förderverein über 300 Mitglieder und er füllt immer noch nach, wenn es denn sein muss. Auch heute an diesem Abend. Ihnen allen und Ihrem Oberfüllhorn, Herrn Dr Hirschberg gilt unser grenzenloser Dank und Applaus.
Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs über den Zusammenhang zwischen Kochkunst und Kleinkunst - ein bisschen akademisch soll es ja auch sein. Nein, es geht nicht um den Gleichklang von Kabarett und Kabarett, also von Porzellan und Panitz. Das eine kann man zerschlagen, die anderen nicht. Was auffällt, ist vielmehr der gemeinsame Ort, an dem sich Sprachwitz und Speisewonne, Satire, Saft und Suppe gerne treffen: der Mund. Im Mund vermengen sich, wie Hegel bemerkte, sowohl Worte und Küsse als auch Essen, Trinken und Spucken, das heißt höchster Ausdruck des Geistes und pure Animalität.
Durch Mund, Rachen und Kehle gleitend, fallen die Worte in das Behältnis des Leibes, um dort verschlungen und verdaut zu werden. Die Panitzbuben spucken es dann wieder aus, nicht immer Gift und Galle, viel öfter Galantes, gespickt mit feinen Untertönen, frech aus dem Bauch heraus. Und wenn sie mal nicht wollen, lassen sie spucken. Wir alle fühlen uns belohnt: durch Eure große Kleinkunst., Eure Kunst zu leben und Eure Kunst zu feiern. Ich wünsche uns allen, dass dieser Spuk kein Ende hat.
Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!
